Von
der feinen Lust auf fremde Gärten - grüne Privatparadiese entdecken
siehe auch: Offene Pforten - Adressen
/ Bücher zur Offenen Pforte / Fotos besuchter Privatgärten
Für Gartenfreunde zählt die Entdeckung schöner Gärten
mit zu den glücklichsten Erfahrungen. Wer aber meint, dafür auf
weite Reise gehen zu müssen, irrt, denn seit einigen Jahren gibt es
in Deutschland die Aktion "Offene Pforte" oder auch: Tage der offenen
Gärten", "Blick über den Gartenzaun".
"Offene Pforte" - was ist das überhaupt?
Mit diesen Bezeichnungen werden alle diejenigen regionalen und überregionalen
Aktionen zusammengefasst, bei denen Gartenbesitzer an bestimmten Tagen
anderen Gartenliebhabern Einblick in ihr "Paradies"gewähren - oftmals
verbunden mit Zusatzangeboten wie Kaffee bzw. Tee und Kuchen oder
Gebäck, einer "Kunstausstellung", mal gegen Bezahlung ( ein kleine
Aufwandsentschädigung für die Gartenbesitzer und Organisatoren)
, mal umsonst. Besonders reizvoll ist, dass diese Aktivitäten
auch landestypischen Besonderheiten aufweisen, sowohl was die Art des Gartens,
Gartengröße und -inventar, als auch die dazu stattfindenden
Angebote angeht. Manchmal sind auch sonst nicht zugängliche Parks,
gelegentlich sind auch Gärtnereien mit Schaugärten in das
Angebot eingebunden.
Der Tag der offenen Gartenpforte ist eine private "Gartenschau" ohne
gewerblichen Hintergrund (jedenfalls meistens) , bei der sich Gleichgesinnte
treffen. Es gibt Aktionen zur ersten Blüte im Frühjahr, im Sommer,
wenn sich die meisten Gärten auf ihrem Höhepunkt befinden oder
auch im Herbst, zum Ausklang eines Gartenjahres. Viele Gärten kann
man sich individuell nach telefonischer Vereinbarung anschauen, andere
Gartenbesitzer sind bundesweit in den den "Offene Pforten-Büchern"
(siehe Anhang) verzeichnet und an bestimmten Wochenenden zu besichtigen.
Oft nehmen Gartenbesitzer teil, deren Garten schon in Gartenzeitschriften
oder im Fernsehen vorgestellt wurden, aber auch der unbekannte Nachbar
von nebenan kann dabeisein. Der Reiz dieser Veranstaltung liegt gegenüber
der Präsentation von Themengärten auf den offiziellen Gartenschauen
darin, dass hier nicht nur ein Werk bewundert werden kann, sondern der
Besucher zugleich den "Schöpfer" kennenlernt, denn Gärten
sind ja auch immer ein Ausdruck der persönlichen Lebensphilosophie.
Man kann den Garten nur genießen, fotografrieren, ein paar
schöne Stunden dort verbringen oder sich - der in der Regel stattfindenen
"Führung" des Gartenbesitzers anschließen. Der "Meister oder
die Meisterin" erläutert das "Gartenkonzept" und die Pflanzungen,
erzählen über den Werdegang des Gartens, beantwortet Fragen und
gibt Praxistipps. Schnell kommt man ins Fachsimpeln, es werden Bezugsquellen
für Pflanzenraritäten verraten, Probleme der Vermehrung,
Düngung oder Überwinterung von Pflanzen, Umgang mit dem Schnecken-
oder Wühlmausproblem besprochen, Geheimtipps werden ausgetauscht
und so mancher Steckling oder Ableger wechselt den Besitzer. Vor
allem aber gelingt es vielen Gartenbesitzern, die sich dazu entschließen,
ihre Privatsphäre "preiszugeben", ihre Begeisterung für das Gartenhobby
weiterzugeben. Und erhalten als Lohn dafür viel Lob. Gegenden mit
gartenkultureller Tradition und einem gewissen Qualitätsanpruch schalten
oftmals im Vorfeld der "Besuchssaison" eine Auswahl der vorgeschlagenen
Gärten vor, um das gartenkünstlerische Niveau anzuheben. Der
Gartenbesitzer erfährt die Teilnahmeberechtigung als eine Art Lohn
für seine Mühen und angewandte gärtnerische Erfahrung. Der
ambitionierte Besucher kann also eine besondere Gartenkultur erwarten;
i. d. R. ist das Publikum dementsprechend fachlich besonders interessiert
und vorgebildet. Mögliche Zusatzangebote konzentrieren sich somit
weniger auf die Hervorhebung und Verbreitung ortstypischen Brauchtums und
Handwerks, sondern eher auf die Organisation und Durchführung von
Fachvorträgen und Seminaren für eine botanisch versierte Zuhörerschaft.
Die Bekanntmachung erfolgt durch Kontaktadressen überegionaler "Offener
Pforten", die Tageszeitungen oder über Touristeninformationen.
Geschichtlicher Hintergrund
Die Idee der "Offenen Pforte" stammt aus England.
Begonnen hat das Phänomen vor mehr als 75 Jahren in England.
Dort litt vor mehr als 75 Jahren das Queen's Nursing Institute, das Krankenschwestern
in die Armenviertel der Städte entsandte, an akuter Geldnot. Um diese
zu lindern, entstand die Idee, besonders schöne private Gärten
für a shilling a head" - einen Schilling pro Kopf - an bestimmten
Tagen zu öffnen. Auf diese Weise sollte das Schöne eines erlebnisreichen
Gartenbesuches mit dem Nützlichen einer Wohltätigkeitsveranstaltung
verbunden werden Bei Gartenbesitzern wie Besuchern stieß das
Angebot auf ungeheures Interesse. Bereits im ersten Jahr standen 609 Gärten
zur Besichtigung offen und 8000 Pfund, damals eine phantastische Summe,
wurden eingenommen.
Wenig später lag die erste Ausgabe des "Gelben Buches" vor,
das seither alljährlich neu die offenen Gärten mit kurzer Beschreibung
und Öffnungszeiten verzeichnet. Heute nehmen ca. 4000 Gärten
am "National Gardens Scheme" teil und verzeichnen pro Jahr rund 12 Millionen
Besucher.
Diese Idee mutierte im Laufe der Zeit zu einer gartenkulturellen
Bewegung, die sich von England über Wales nach Schottland und
dann auf das andere Ufer ausbreitete - in die Niederlande und Belgien.
Nicht nur in England gibt es schöne Gärten, auch in Deutschland
haben Gartenbesitzer haben sich ihre ganz privaten, wunderschönen
Gartenparadiese geschaffen Zu Beginn der 90er Jahre waren es zunächst
norddeutsche Städte, welche die Idee der offenen Gartenpforte aufgriffen.
Den Anfang machte 1989 die "Offene Pforte" in Hannover, die durch das Zusammenspiel
von städtischen, bundesland- und deutschlandweit tätigen Organisationen
ins Leben gerufen wurde. Nach Hannover ( inzwischen locken dort mehr als
80 Privatgärten zum Blick hinter den Zaun) .schlossen sich auf Betreiben
privater Initiatoren und Vereine 1991 Hamburg, 1992 Leiferde und Ostwestfalen-Lippe
an. Seit 1996 wurden bisher auf lokaler oder regionaler Ebene stattfindende
Gartenbesuchstage von amtlicher Seite in "offizielle Bahnen" gelenkt, wie
z. B. die Aktionen "Bäuerinnen öffnen ihre Gärten"
im Weser-Ems-Gebiet oder die "Tage der Offenen Gartentür" in Bayern.
Diese Initiativen eröffnen einerseits den landwirtschaftlichen Betrieben
eine Möglichkeit des Zuerwerbs und verhelfen andererseits der Region
zu einer weiteren touristische Attraktion.
Andere Regionen zogen nach. Und so gewinnt das englische Vorbild
der Offenen Pforte auch innerhalb Deutschlands zusehends mehr Anhänger
und wird unter ähnlichen Titeln auch in anderen Bundesländern
veranstaltet, allerdings meistens ohne sozialen Hintergrund.
Und es gibt es keinen "übergeordneten" Verein wie in den vorhergenannten
Ländern, wo koordiniert wird und es eine einheitliche Regelung
gibt, durch eine Komission die Gärten vor ihrer Öffnung
beurteilt werden, ob der angemeldete Garten "besichtigungswürdig"
ist, sondern die Offene Pforte wird von den unterschiedlichsten Veranstaltern
(auch Privatleuten oder auch gewerblichen (Landschaftsarchitekten) angeboten.
Und so hat jede Aktion auch ihren eigenen Charakter. Es gibt ausgarbeitete
"Gartentouren" von Garten zu Garten (teils auch mit dem Fahrrad), manche
Organiatoren bieten einheitliche Erkennungszeichen der geöffneten
Gärten (grüne Ballons oder mit einem Blumenstrauß liebevoll
dekorierte Gießkannen) an, drucken Flyer, auf denen die Gärten
verzeichnet sind mit Anfahrtsbeschreibungen oder - umfangreicher -
Broschüren mit den individuellen Gartenbeschreibungen, Anfahrtszskizzen
und Bildern - zur Aktion an. Wenn Eintritt genommen wird, werden auch gelegentlich
"Kombi-Tickets" für alle geöffneten Gärten angeboten.
Einige haben auch Piktogramme entworfen, um den Gartenstil zu definieren.
Mittlerweile können jedenfalls Interessierte in allen Bundesländern
Blicke in grüne Paradiese von Hobbygärtnern werfen; wie viele
" es insgesamt gibt, lässt sich angesichts der Fülle an teils
nur lokal bekannten Initiativen nur schwer schätzen. Fest steht aber:
Das Interesse ist so groß wie noch nie und fest steht, daß
auf diese Weise schon etliche "Gartenfreundschaften" entstanden, entweder
mit dem Gartenbesitzer oder mit einem dort angetroffenen Besucher, die
sich über Jahre halten.
Tag der offenen Gartentüren in Deutschland
Was macht die «Offene Gartenpforte» so attraktiv? Eine
große Rolle spielt die Neugier: Das Betreten privater Gärten
ist ein Ausflug in sonst versperrtes Terrain, wo sich Überraschungen
auftun und erstaunliche Schönheiten verbergen. Es ist es immer wieder
interessant, wie vielschichtig Gärten gestaltet sein können.
Da gibt es Gärten für jeden Geschmack: den traditionellen Bauerngarten,
den Biogarten mit Mischkulturen, alten Baustoffen und alten Gemüseosrten,
den eher wilden Naturgarten, den mediterranen Garten mit Palmen,
Bananen und Koi-Teich, einen englischen Landschaftsgarten, wundervolle
Rosengärten, verträumte Mühlengärten, liebevoll gestaltete
Winzergärten, gepflegte Nutzgärten; lebendige Wasserwelten,
reine Pflanzensammlergärten, herrliche Obstwiesen mit Unterpflanzung,
den Garten eines Gehölzliebhabers, aber auch "Gärten im Werden"
in einer Neubausiedlung. Interessant auch " Gärten ohne Grenzen":
Zusammenschluss von Eigenheimgärten zu einem Garten, der dadurch parkähnlichem
Charakter gewinnt Oder historisch restaurierte Villengärten
und barocke streng formale Gärten, nach Feng Shui-Prinzipien gestaltete
Gärten, Gärten mit asiatischem Flair. Auch die Dimensionen der
Gärten sind höchst unterschiedlich. Mal ist es eine nur 70 Quadratmeter
kleine grüne Oase, dann wieder wartet ein Park mit 15 000 Quadratmeter
Fläche auf Gäste.
Das Publikum - oft "bewaffnet" mit Notizbüchern, Kameras oder
Filmapparaten, ist bunt gemischt; von der Oma mit der Gehhilfe, die
energisch vorbeigepretscht, der junge Familie mit Kindern über die
Pflanzensammler, die jede unbekannte Sorte inspizieren und sich auf den
Boden legen, um den entdeckten Schatz zu fotografieren bis zur eleganten
very british Lady Gardener mit Hut, die durch den Garten "wandelt". Viele
Besucher reisen gleich einem Konvoi von Garten zu Garten und begegnen sich
an diesem Tag immer wieder, andere bleiben im ersten Garten "hängen"
und fachsimpeln stundenlang. Die größte Freude für die
Gartenbesitzer ist ein netter Besucher, der sich interessiert und
aufgeschlossen gibt, den Garten sichtlich genießt und
dies auch mitteilt.
Aber auch die Gartenbesitzer sind unterschiedlich: von der Bäuerin,
die den Garten von der Oma übernommen hat und erzählt, wie sie
altes Gartenwissen vermittelt bekam, den Botaniker, der zu jeder
Pflanze mit vielen Fachausdrücken etwas zu sagen hatüber die
Künstlerin, die eigentlich das Augenmerk auf ihre eigenen Werke lenken
möchte bis hin zu berühmten, aus dem Fernsehen bekannten Gartenbesitzer,
den man auf diese Weise persönlich kennenlernt. Ob kleiner Pflanzenmarkt
mit geteilten Pflanzen oder gesammelten Sämlinge, Malen für Kinder,
Ausstellung von Gartendeko, thematische Führungen oder das Angebot
von Kaffee und Kuchen – jeder hält es anders und individuelle
Art. Nicht selten geht auch die Kunst der Gartenfreunde mit den Bildenden
Künsten eine fruchtbare Verbindung ein: der Garten wird zur Bühne
für Objekte, Skulpturen und Installationen.
Ein kleiner Tipp: ein Autopilot ist hilfreich, für manche ist
die Suche nach der angegeben Adresse oft ein kleines Abenteuer. Schauen
Sie vorher - vielleicht im Internet - nach einem schönen Spruch, wenn
Ihnen nur schwer ein persönlicher Text einfällt, den das oft
ausliegende Gästebuch ist für viele Gartenbesitzer eine schöne
Erinnerung an den Tag und sie freuen sich über einen Eintrag. Jeder
Gartenbesitzer, sofern er keinen Eintritt oder einen Obulus als Spende
für einen wohltätigen Zweck nimmt, freut sich natürlich
über ein kleines Mitbringsel - einen Ableger, eine ausgefallene Einjährige,
eine Flasche Wein oder Sekt, ein kleines Gartenbuch - das muß
aber nicht sein.
Hunde haben in den meisten Gärten übrigens keinen
Zutritt. Und bitte akzeptieren Sie bitte die Privatphäre der Gartenbesitzer;
vorsorglich sollte man vor dem Besuch z. B. eine Toilette aufsuchen.
Jedenfalls, auch in Deutschland ist Gartenkultur vorhanden, oft blüht
sie nur im Verborgenen. Hier macht die Offene Pforte einen Anfang
zu einer öffentlichen Veränderung - nach dem Motto "zum Nachmachen
empfohlen". Und weil es so interessant und spannend ist zu sehen, wie andere
ihren Freiraum gestalten, sollten sich Hobbygärtner die Gelegenheit,
die der "Tag der offenen Gartenpforte" bietet, nicht entgehen lassen.
(Überarbeiteter Artikel, den ich 2006 für das Reisemagazin "Gartentour
Labhard Verlag schrieb)
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